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Keim-Alarm

Ein Skalpell übersät mit Keimen – für Patient und Chirurg gleicher­ maßen ein Albtraum.

Im Universitätsklinikum Mannheim war dieser Albtraum Alltag. An OP-Instrumenten klebten Gewebereste und Blut, in einigen chirurgischen Abteilungen waren die Infektionszahlen erhöht. Mitarbeiter meldeten die unhaltbaren Zustände der Klinikleitung. Nichts geschah – bis eine anonyme Anzeige die Missstände aufdeckte. OP-Säle wurden vorübergehend geschlossen. Der Geschäftsführer trat zurück. Seit 2015 ermitteln die Staatsanwälte.

Das Signal ist eindeutig: Wer mit der Hygiene schlampt, begeht kein Kavaliersdelikt. Selbst Keime, die Gesunden nicht schaden, können in der Klinik gefährlich sein. Stecken sich Patienten bei einer Operation oder auf einer Station mit Erregern an, spricht man von einer Kranken Hausinfektion. Dabei handelt es sich nicht nur um kleine entzündete Wunden. Blutvergiftungen und Lungenentzündungen sind stets lebensbedrohlich – vor allem wenn sie von sogenannten multiresistenten Keimen verursacht werden, die selbst mit gängigen Antibiotika schwer in den Griff zu kriegen sind.

Eigentlich sollten Skandale wie in Mannheim der Vergangenheit angehören. Denn welche Hygiene-Maßnahmen eine Klinik anzuwenden hat, ist inzwischen unmissverständlich geregelt. Das Infektionsschutzgesetz wurde 2011 deutlich verschärft. ,,Jetzt ist klar, dass die Geschäftsführungen der Krankenhäuser die Verantwortung für die Hygiene tragen‘: sagt Professor Walter Popp, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Das Robert-Koch-Institut hat zudem verbindliche Richtlinien formuliert. Sie geben vor, wie desinfiziert oder sterilisiert werden muss, was beim Auftreten gefährlicher Erreger zu tun oder wann ein Patient zu isolieren ist. Und die Wissenschaft sucht nach neuen Methoden, wie sich Keime besser abtöten lassen.

„Die Zahl der Infektionen lässt sich um mehr als die Hälfte senken“

Professor Walter Popp
Vizepräsident der Gesellschaft für Krankenhaushygiene

Gefährlicher Griff:
Hände gelten als ein
Hauptübertragungsweg für Keime

Unberechenbarer Faktor Mensch

Das Problem all der Regeln und Vorgaben: Ob er sie tatsächlich einhält, entscheidet jeder Klinik-Mitarbeiter jeden Tag neu. Schon eine ungewaschene Hand kann tödliche Keime verbreiten. Der Personalmangel verschärft die Situation noch. Muss ein Pfleger von Patient zu Patient eilen, bleibt kaum Zeit für Hygiene.

Teils mangelt es aber auch einfach an Einsicht, wie eine Studie der Medizinischen Hochschule Hannover zeigt. So konnten selbst psychologisch fundierte Aufklärungsgespräche Ärzte kaum dazu bewegen, öfter zum Desinfektionsmittel zu greifen. Pflegekräfte waren dafür weitaus zugänglicher.

Wie viel in Sachen Sauberkeit bereist erreicht wurde, das schätzen Experten sehr unterschiedlich ein. Popp erkennt einerseits durchaus Fortschritte: ,,Beim Hygiene-Personal dürften sich die Zahlen in den Kliniken verdoppelt haben“. Die speziell ausgebildeten Fachkräfte sollen ihr Wissen in die Stationen tragen und bei Problemen mit Infektionen möglichst schnell Alarm schlagen.

Insgesamt sieht Popp die Situation in Deutschland aber problematisch. Die Berechnung des Bundesgesundheit­sministeriums, die von bis zu 600000 Klinik Infektionen und 15000 Toten pro Jahr ausgeht, hält er für „abenteuerlich gering. Seine eigene Schätzung: Hierzulande sterben jährlich rund 40000 Menschen aufgrund von Klinikinfek­tionen.

Zudem ist der Experte überzeugt, dass die Ziele von Hygiene-Maßnahmen zu niedrig gesteckt sind. Oft lese man, dass sich – selbst wenn alles optimal liefe – höchstens 30 Prozent der Infektionen vermeiden ließen. Popp verweist auf Untersuchungen, die zeigen, dass weitaus mehr möglich ist. In einer großen US-Studie zum Beispiel konnte die Zahl der Blutvergiftungen, die durch zentrale Venenkatheter verursacht wurden, um 66 Prozent gesenkt werden, indem man die Hygiene verbesserte. In zwei US-Krankenhäusern verringerte sich die Inflationsrate durch Katheter sogar um 87 Prozent, wenn schlicht eine Checkliste für das Anlegen und das fachgerechte Versorgen befolgt wurde. Popp folgert daraus: „Die Zahl der Infektionen lässt sich durchaus um mehr als die Hälfte senken.“ Er plädiert sogar für die ehrgeizige „Vision Null“, die Zielvorgabe von null Infektionen.
Die von ihm zitierten Studien zeigen jedoch, wie entscheidend das Befolgen von Regeln ist. Denn Keime an sich sind in einem Krankenhaus nicht zu vermeiden. Parienten, Besucher, Pfleger und Ärzte schleppen ständig neue Erreger ins Haus. Zum Problem werden diese vor allem auf Intensivstationen. Dort haben besonders, viele Patienten Gefäß- oder Harnwegkatheter oder müssen beatmet werden. Durch diese Eintrittspforten können Mikroben in den Körper der Patienten eindringen, deren Immunabwehr oft ohnehin geschwächt ist. Ihre Übertragung lässt sich aber in vielen Fällen verhindern. Zum Beispiel mit einer altbewährten Methode: der Desinfektion der Hände. Professorin Petra Gastmeier erkennt hier bereits eine positive Wende. Um die Lage an Kliniken zu verbessern, hat die Chefhygienikerin der Berliner Charité das Überwachungssystem KISS entwickelt. Kliniken liefern dabei anonym Daten zu Wundinfektionen nach OPs, zur Zahl der Patienten, die sich im Krankenhaus mit antibiotikaresistenten Keimen angesteckt haben, aber auch zum Verbrauch von Desinfektionsmitteln. „Auf Basis dieser Daten sieht man, dass sich der Desinfektionsmittelverbrauch für die Hände seit 2008 verdoppelt hat“, sagt sie. Die KISS-Daten zeigen noch einen weiteren positiven Trend. Kliniken, die sich überwachen lassen, senken innerhalb von vier Jahren ihre Infektionsraten um bis zu 30 Prozent. Durch das Meldesystem sehen sie, wie sie im Vergleich zu anderen dastehen. Expertin Gastmeier: ,,Das stimuliert sie, die Hygiene-Situation im eigenen Haus zu verbessern.“

Sonntag ist Putzpause

Dass zweifellos weiter Verbesse­rungsbedarf besteht, zeigt zum Beispiel eine Umfrage der Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Demnach verzichtet die Hälfte der Kliniken sonntags ganz aufs Putzen der Patientenzimmer. 38 Prozent führen nur eine Sichtreinigung durch, entfernen also lediglich den Schmutz, der auffällt. Auf Desinfektion verzichten auch sie. Manche Häuser verfahren darüber hinaus samstags und mittwochs ähnlich. Was aber tun? Popp plädiert für bessere und strengere Kontrollen. Gesundheitsämter überprüfen lediglich stichprobenartig. Dem Hygiene-Experten schwebt ein anderes Modell vor. Nach dem Vorbild der gesetzlichen Unfallversicherung fordert er eine Infektionsschutzversicherung. Bei schweren Fällen mit Krankenhauskeimen würden Untersuchungen im betroffenen Haus durchgeführt – ähnlich wie nach einem Unfall, wo der technische Aufsichtsbeamte vor Ort ermittelt. Während Ärzte, Hygiene-Experten und Wissenschaftler noch über Wege der effektiveren Keimbekämpfung diskutieren, haben sich neue, gefährliche Erreger etabliert. Zunehmend tauchen sogenannte multiresistente gramnegative Bakterien (MRGN) in deutschen Krankenhäusern auf. Gastmeier verweist auf eine beunruhigende Studie, der zufolge von 4000 Patienten, die in eine Klinik kamen, etwa 10 Prozent MRGN-Keime einschleppten. Das Fatale: Bei infizierten Menschen sitzen diese Erreger im Darm, und es gibt derzeit keine Behandlung, die sie von dort entfernen könnte. Selbst wenn ein Krankenhaus alle Patienten auf MRGN-Bakterien testen würde – es bliebe lediglich die Maßnahme der optimalen Hygiene. Oder der Isolierstation.

„Der Vergleich mit anderen bringt Kliniken dazu, ihre Hygiene zu verbessern“

Professorin Petra Gastmeier
von der Chante in Berlin

 

Neue Wege werden erforscht

Waschhandschuhe: Hygieneexperten des Universitätsklinikums Leipzig wollen testen, ob Waschhandschuhe, die mit dem Desinfektionsmittel Octenidin getränkt wurden, Patienten auf Intensivstationen vor Keimen schützen. Sie setzen diese dazu drei Jahre lang auf 45 Stationen ein. „Es gibt noch keine Resistenzen gegenüber dem verwendeten Wirkstoff“, erklärt Professorin Iris F. Chaberny, die die Studie leitet. Sie hofft, dass sich Octenidin als eine wirksame Barriere gegen resistente gramnegative Bakterien erweist, die sich zunehmen in Kliniken ausbreiten. Bislang gibt es noch keine Möglichkeit, Träger von diesen Keimen zu befreien. Etwa zehn Prozent aller Bundesbürger haben solche Erreger im Darm.

UV-Licht: Die Strahlen können Keime abtöten. Forscher der Duke-Universität (USA) haben getestet, ob sich diese Eigenschaft in Patientenzimmern nutzen lässt.  In neuen Kliniken stellten sie tragbare UV-Strahler in Zimmern auf, in denen zuvor Patienten mit antibiotikaresistenten Bakterien gelegen hatten, etwa Clostridium difficile, ein Darm keim, der schwere Durchfälle verursachen kann. „Über die Reflexion töten die Strahlen sogar die Bakterien im Schatten“, erklärt Studienleiter Deverick J. Anderson. Das Ergebnis ist vielversprechend: Die Anzahl lebensfähiger Keine auf den Flächen sank nicht nur um etwa 98 Prozent. Auch die Infektionsraten mit den folgenden drei Monaten um bis zu 30 Prozent zurück, wenn das Patientenzimmer nicht nur desinfiziert, sondern zusätzlich bis zu 50 Minuten bestrahlt wurde.

Einmalhandschuhe: Tragen Pfleger solche Handschuhe beim Patientenkontakt, sieht das hygienisch aus. Doch der Eindruck trügt. So ergab eine Untersuchung in 15 britischen Kliniken, dass das Tragen von Handschuhen bei den Pflegern die Bereitschaft senkt, sich zusätzlich die Hände zu desinfizieren. Diese Maßnahme können Handschuhe aber niemals ersetzen. Befragungen unter Ärzten zeigen zudem, dass diese häufig das notwendige Wechseln der Handschuhe vergessen, wenn sie den Nächsten Patienten aufsuchen.

 

Quelle: Apotheken Umschau

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